"Mehr Technikaffinität, mehr Multitasking"

Give me Five - Fünf Fragen an Moderatorin Katie Gallus

Katie Gallus bei BOCOM am 3. September 2020

Moderatorin und Journalistin Katie Gallus über die Herausforderungen virtueller Moderation, Empathie und Authentizität auf dem Bildschirm und den besonderen Charme von Live-Publikum.

Timothy Aldrich, Trainee Communications, GCB:
In den letzten Monaten gab es einen massiven Anstieg an virtuellen und hybriden Veranstaltungsformaten. Es wurde dabei bereits vielfach auf das veränderte Teilnehmer*innen-Erlebnis eingegangen. Doch wie geht es Dir als Moderatorin damit? Was fehlt Dir im Vergleich zur Live-Moderation und gibt es etwas, das Du bei virtuellen Formaten vielleicht sogar besser findest?

Katie Gallus: Mir geht es in dem „neuen Normal“ aus hybrid und virtuellen Formaten sehr gut, da es mich als gelernte Fernsehmoderatorin wieder zu meinen Wurzeln zurückführt. Hin zu mehr Kameras, mehr Live-TV-Momenten, pünktlichem und strengem Zeitmanagement. Aber mir fehlt das Publikum und lächelnde Gäste oder gemeinsames Lachen auf der Bühne schon sehr. Es ist ein anderes Bild für mich, wenn ich in eine kleine Menschenmenge mit Masken im Gesicht oder in eine größere Menge mit strahlenden und lachenden Gesichtern blicke.

Christian Funk, Redakteur, tw tagungswirtschaft:
Du konntest inzwischen einige Erfahrungen bei der Moderation virtueller/hybrider Formate sammeln. Was vermisst Du am meisten am “Live-Erlebnis”? Und wie schafft man es, ein “Live-Gefühl” zu vermitteln?
Ein gutes Gespräch oder eine spannende Diskussion ist für mich auch immer ein Geschenk des Zwischenmenschlichen, der Zwischentöne und der nonverbalen Kommunikation. In einem Kontext, wo man sich nur über einen Bildschirm sieht und nur darüber diskutiert, ist diese Ebene nicht komplett weg, aber auf jeden Fall abgedämpfter. Damit meine ich keine dreiminütigen Schaltgespräche, wo die Fragen und Antworten sehr knapp bemessen sind. Ich spreche über konkrete Diskussionsrunden, wo man für unterschiedliche Perspektiven und Antworten auch Schicht für Schicht, Frage um Frage tiefer graben will. Bei virtuellen Diskussionen ist vieles abhängig von der richtigen Kameraposition, keiner Überinterpretation von digital-verzerrten Gesten und der richtigen Balance, alle Gäste und Zuschauer am Thema zu behalten.

Sina Goy, Online-Redaktion, tw tagungswirtschaft:
Wie beziehst Du das Publikum ein, wenn Du es nicht live vor Dir hast?
Ich bin einfach ich. Ich bin der festen Überzeugung, dass sich Empathie und Authentizität über den Bildschirm ins Homeoffice übertragen. Auch im virtuellen Raum zählt für mich, dass ich das Thema und die Fragestellung der Stunde wirklich lebe und inhaliere. So überträgt sich die Neugierde auch auf das Publikum, das nicht live vor Ort dabei sein kann. Für mich ist die Kamera nicht nur ein schwarzes Loch oder eine Linse, sondern all die neugierigen und tollen Gäste, die gerne mit dabei wären. Diese Visualisierung gibt mir Energie - und so frage ich auch mal direkt keck in die Kamera, wie die Stimmung ist.

Martina Neunecker, Head of Communications, GCB:
Du hast seit Beginn der Corona-Pandemie eine Vielzahl virtueller und hybrider Veranstaltungen moderiert. Gibt es ein konkretes Event oder ein bestimmtes Veranstaltungskonzept, das Dich in seiner Kreativität, seinem Innovationsgrad o.ä. besonders überzeugt hat? Wenn ja, warum?
Ich bin im Lockdown sofort auf virtuelle Moderation umgestiegen und war eine der ersten Moderatorinnen, die sich mit virtueller und hybrider Moderation positioniert haben. Für mich war es spannend, neue Farbe auf eine noch komplett weiße Wand der hybriden und virtuellen Moderation zu malen. Manche meiner Kund*innen waren von Beginn an mit Mut und Neugierde dabei, andere verharrten bis Spätsommer. Erwartungen an virtuelle Events oder Livestreams sind oftmals an TV-Standards gekoppelt, jedoch ohne Expert*innen aus dem TV-Business im Team zu haben. Das beobachte ich mit Sorge, denn nicht jeder „kann einfach mal Fernsehen machen“. Dazu gehört ein ganzes Team, das wie Zahnräder miteinander arbeitet. Nur so wird ein hybrides/virtuelles Event auch erfolgreich. Damit werden dann derartige Events auch nicht günstiger - statt Butterbrezeln gibt es einfach mehr Kosten für Kabellänge und Datenversand. Aus der letzten Zeit gibt es für mich zwei Veranstaltungsreihen, die mich im Konzept überzeugen konnten. Erstens: Die BOCOM fasziniert mit der Hub-Struktur und den zentralen Zuschalten aus Berlin in die Welt. Das ist im internationalen Kontext genau das, was Spaß und Tiefe für Diskussion bringt. Übrigens auch mit Lösungsansätzen für Parteitage, die aktuell leider lieber abgesagt als digital übersetzt werden. Hier sehe ich so viel Potential! Zweites Beispiel war das Martin Roth Symposium mit digitalem Kongress und hybrider Show im Naturkundemuseum in Berlin - auch hier war wichtig: mit Expert*innen aus der Fernsehlandschaft und digitalen Experten der Republica, die das Event visuell mutig und leicht gestalten, statt digital peinlich abzufilmen und nur zu streamen.

Kerstin Wünsch, Chefredakteurin, tw tagungswirtschaft:
Wenn ich eine Veranstaltung virtuell moderiere, was muss ich wissen und wie bereite ich mich optimal vor? 
Für mich hat sich an der inhaltlichen Vorbereitung nichts geändert - eine ausführliche Vorbereitung und inhaltliche Auseinandersetzung ist immer noch der Schlüssel. Hinzu kommen nun ausführlichere Technik-Briefings und Generalproben, wenn es um Kamerapositionen, Chat-Tools und die Übertragung der Stimmen aus dem Netz geht. Mehr Technikaffinität und mehr Multitasking ist gefragt. Genau das ist es aber, was ich aktuell so liebe. Man ist zu jeder Sekunde unter Strom, muss bei Pannen schnell reagieren, Zeit mit gutem Inhalt überbrücken und dabei aber die innere Ruhe nicht verlieren.

www.katiegallus.de