„Die Messe 2020 wird ein Versuchslabor“

Fünf Fragen an Juergen Boos

Juergen Boos, Direktor der Frankfurter Buchmesse, Foto: Jonas Ratermann

Juergen Boos, Direktor der Frankfurter Buchmesse, über die Special Edition der Frankfurter Buchmesse, kuratiertes Networking und das Format “The Hof“, das Konjunkturprogramm „Neustart Kultur“ und das Kulturfestival „Bookfest“.

Timothy Aldrich, Trainee Communications, GCB: Mit dem Wegfall des physischen Teils der Frankfurter Buchmesse 2020 hat sich das Besucher*innen-Erlebnis erheblich verändert. Was bedeutet dies für die Planungen der Buchmesse im kommenden Jahr?
Juergen Boos: Für die Special Edition der Frankfurter Buchmesse 2020 haben wir mit hohem Tempo ein digitales Programm auf die Beine gestellt, das alle unsere Zielgruppen mitnimmt. Aber erst in der Messe-Woche selbst – in Echtzeit also – werden wir sehen, was gut ankommt und was nicht. Die Messe 2020 wird ein Experiment, ein Versuchslabor. Wir werden also vieles ausprobieren und dann sehen, was davon in die Planungen für 2021 einfließen kann. Außerdem arbeiten wir in den nächsten Monaten intensiv gemeinsam mit unseren Aussteller*innen an neuen Angeboten sowohl für die physische wie für die digitale Messe in 2021.

Christian Funk, Redakteur, tw tagungswirtschaft: Kurzfristig musste die Frankfurter Buchmesse den physischen Teil der Veranstaltung nun doch absagen. Sämtliche Veranstaltungen, von der Lesung bis zur Fachkonferenz, hätten ohnehin digital stattfinden sollen, doch wie kann ich mir jetzt als Besucher die Stände und Präsentationen Ihrer Aussteller digital vorstellen?
Ein physischer Messe-Stand als Ort der persönlichen Begegnung – vom Netzwerken, Verhandeln und Präsentieren bis hin zur Happy Hour am Nachmittag – lässt sich nicht 1:1 ins Digitale übersetzen. Wir haben bei unseren digitalen Angeboten für Aussteller*innen den Fokus auf Events, z.B. durch die Einbindung von Lesungen in Livestreams gesetzt. Unsere Website bietet den Besucher*innen dafür die Orientierung und den Absprung zu einzelnen Veranstaltungen unserer digitalen Aussteller*innen. Für das Business der Fachbesucher*innen und Aussteller*innen bieten wir zudem ein eigenes digitales und internationales Fachprogramm mit kuratiertem Networking an. Dies wird ergänzt durch neue Plattformen und Tools, wie z.B. Frankfurt Rights für den Rechte- und Lizenzhandel. Wichtig war uns, dass bei allen digitalen Angeboten auch die Möglichkeiten der Interaktion, z.B. durch moderierte Chats oder Begegnungen in Breakout-Sessions, gewährleistet sind.

Sina Goy, Content Managerin, tw tagungswirtschaft: Die Frankfurter Buchmesse 2020 wird als “Special Edition” durch Kulturstaatsministerin Prof. Monika Grütters im Rahmen des Konjunkturprogramms „Neustart Kultur“ unterstützt. Wie sieht diese Förderung aus?
Ich bin sehr dankbar dafür, dass unsere Kulturstaatsministerin Monika Grütters die Frankfurter Buchmesse mit Geldern aus dem Konjunkturprogramm „Neustart Kultur“ unterstützt. Die Mittel wurden u.a. für umfassende digitale Präsentations- und Beteiligungsmöglichkeiten für Aussteller*innen eingesetzt. Dies schließt die Einbindung ihrer Veranstaltungen und Präsentationen von Büchern und Autor*innen auf buchmesse.de mit ein, die teilweise digitale Durchführung des Kulturfestivals „Bookfest“ im Rahmen der Frankfurter Buchmesse sowie ein umfangreiches Fach- und Konferenzprogramm. Ebenfalls gefördert wurde die Nutzung der Verlage unserer digitalen Plattform Frankfurt Rights für den Handel mit Rechten und Lizenzen. Dank der Förderung steht die Plattform Lizenzhändler*innen auch nach der Frankfurter Buchmesse 2020 neun Monate lang kostenlos zur Verfügung.

Martina Neunecker, Head of Communications, GCB: Die Frankfurter Buchmesse 2020 findet mit einem umfangreichen Digitalangebot statt – gibt es darunter ein Format, das Sie als Ihr Lieblingsformat bezeichnen würden? Wenn ja, was macht es aus Ihrer Sicht so besonders?
Es ist schwer, schon jetzt ein Lieblingsformat zu benennen. Aber da es bereits erfolgreich angelaufen ist: Ich schätze besonders unser Networking-Event “The Hof”, welches auf charmante Weise das legendäre Ambiente des Frankfurter Hofs zur Messe-Zeit in den digitalen Raum übersetzt: mit Livemusik und digitalen Breakout-Sessions, bei denen Sie per Zufall mit anderen Teilnehmer*innen in kleinen Gruppen zusammenkommen. Außerdem können “The Hof”-Besucher*innen an Diskussionen zu bunt gemischten Themen teilnehmen: Von “Grauburgunder trifft Ebbelwoi” mit dem Schriftsteller Ilija Trojanow bis zu "European EdTech – Where are we now?" mit der schwedischen EdTech-Expertin Jannie Jeppesen.

Kerstin Wünsch, Chefredakteurin, tw tagungswirtschaft: Nur einmal zum Vergleich: Wie viele Fachbesucher*innen, Besucher*innen und Austeller*innen kamen letztes Jahr zur Buchmesse nach Frankfurt? Und mit wie vielen Fachbesucher*innen, Besucher*innen und Aussteller*innen rechnen Sie dieses Jahr?
Wir hatten 2019 eine Rekordmesse mit einem Besucherplus von 8,3 Prozent am Messewochenende und einem Wachstum von 3,7 Prozent an den Fachbesuchertagen. Die Zahl der Fachbesucher lag 2019 bei 144.572, die Zahl der Privatbesucher bei 157.695. Dazu kamen 7.450 Aussteller aus 104 Ländern. Aber für alle Messen weltweit sind Zahlen aus dem Jahr vor der Pandemie natürlich unvergleichbar mit den Zahlen für 2020. Für die Frankfurter Buchmesse 2020 – Special Edition haben sich 4.300 Aussteller aus über 100 Ländern angemeldet.

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