"Unsere Teilnehmer*innen sollen abschalten, ohne abzuschalten"

“Give me five” – Fünf Fragen an David Friedrich-Schmidt

David Friedrich-Schmidt, DGN

Fünf Fragen an David Friedrich-Schmidt, Leiter des Bereichs Projekte und Administration bei der Deutschen Gesellschaft für Neurologie e.V. (DGN), die ihren Jahreskongress im November als Online-Format umsetzt.

Timothy Aldrich, Trainee Communications, GCB

Der DGN-Kongress 2020 findet virtuell statt. Statt einfach “nur” Vorträge zu streamen, haben Sie sich für die Beibehaltung von bewährten – traditionell vielleicht eher präsenz-orientierten – Formaten entschieden und bieten diese nun auch online an. Hierzu zählen beispielsweise das Konzert des Deutschen Neuro-Orchesters oder der Science Slam. Können Sie uns sagen, wie es dazu kam und welche Motivation dahintersteckt?
Nur wissenschaftlichen Content oder Fortbildung für Neurolog*innen online zu präsentieren, war uns schlicht zu wenig. Obwohl wir da auch schon einen anderen Weg gehen und die Vortragenden zu uns nach Berlin in Studios holen, statt sie nur live per Webcam hinzuzuschalten. Unsere Teilnehmer*innen sollen aber nicht nur Content laden, sondern, gerade während der Pandemie, auch abschalten, ohne abzuschalten. Hierfür gibt es am Vorabend des Kongresses das Konzert des Deutschen Neuro-Orchesters, welches auch im Nachgang über unser Kongress-Portal abgerufen werden kann. Eine weitere Säule unseres Online-Kongresses ist am besten unter dem Begriff „Edutainment“ zusammen zu fassen. Jeden Abend gibt es eine lockere „Remains of the day“-Runde mit den Top-Expert*innen der Neurologie, die die Erkenntnisse des Tages humorvoll, aber auf höchstem Niveau, reflektieren. Für interessierte Nicht-Professionals wird es unseren mittlerweile 5. Science-Slam geben. Komplexer Inhalt auf 10 Minuten eingedampft vor 200 Gästen in der Berliner Volksbühne und für alle im Live-Stream.

Christian Funk, Redakteur, tw tagungswirtschaft
Gerade wissenschaftliche Kongresse leben vom Austausch sämtlicher Teilnehmer*innen untereinander. Wie wollen Sie den wissenschaftlichen Diskurs auf dem rein virtuellen DGN-Kongress gewährleisten und welche Formate haben Sie sich ausgedacht?
Während unserer Live-Sessions können die Teilnehmer*innen via Chat miteinander kommunizieren. Die Moderatoren werden den Vortragenden ausgewählte Fragen live stellen. Fragen können „geliked“ und somit gehighlightet werden. Die Live-Sessions sind so konzipiert, dass mindestens ein Drittel der Zeit für Fragen und Diskussionen zur Verfügung steht. Wir bieten darüber hinaus über 300 Vorträge an, die als Webcast vorproduziert werden. Fragen werden per E-Mail an die Referent*innen übermittelt, die schnellstmöglich antworten. Fragen und Antworten werden unter dem jeweiligen Webcast veröffentlicht.

Sina Goy, Online-Redaktion, tw tagungswirtschaft
Der diesjährige DGN-Kongress will digital das „Wir sind Neurologie“-Gefühl übermitteln. Wie soll das gehen?
Für unser Live-Programm richten wir Studios in Berlin ein. Die Referent*innen werden dort im bekannten DGN-Kongressambiente ihre Vorträge halten und Diskussionen führen, die in Echtzeit gestreamt werden. Diese Live-Veranstaltungen machen das Quäntchen mehr aus: Sie transportieren das eigentliche Kongresserlebnis und die Online-Teilnehmer*innen sehen die „große Bühne“ so, als wären sie im Kongresssaal. Die Technik erlaubt außerdem echte Interaktion, Fragen können gestellt und es darf und soll mitdiskutiert werden. Das Live-Programm läuft nachmittags und abends, sodass es für viele Teilnehmer*innen möglich sein wird, trotz Klinik- und Praxisbetrieb teilzunehmen.

Martina Neunecker, Head of Communications, GCB
Der DGN-Kongress ist in diesem Jahr ein reines Online-Format. Haben Sie im Vorfeld intern auch über ein hybrides Format mit Live-Teilnehmer*innen vor Ort diskutiert? Und wenn ja, warum haben Sie sich dagegen entschieden?
Ja, darüber haben wir natürlich diskutiert und uns ziemlich schnell dagegen entschieden. Eine hybride Veranstaltung wäre in Summe für max. 1.000 Teilnehmer*innen möglich gewesen. An unseren Kongressen nehmen aber bis zu 7.000 Neurolog*innen teil. Wir machen jetzt einen quasi halb-hybriden Kongress: Die Akteure sind live da, die Teilnehmer*innen sicher zu Hause, in ihren Kliniken und Praxen. Wir haben es, und das ist kein unerheblicher Fakt, mit einer systemrelevanten Zielgruppe zu tun: Bei einer zweiten Welle werden alle Ärzt*innen dringend gebraucht. Hier haben wir eine gesellschaftliche Verantwortung und wollten daher keine Risiken eingehen. Auf der anderen Seite nehmen wir für den Online-Kongress sehr viel Geld in die Hand. Diese Kosten fallen bei einem voll-hybriden Kongress ebenso an wie Kosten für Location, Technik und Ausstattung für den Live-Teil. Das ist aus wirtschaftlicher Sicht nicht wirklich darstellbar. Es wird während einer Pandemie auch einmal anders gehen und wir sind sehr gespannt auf unsere vier digitalen Tage im November.

Kerstin Wünsch, Chefredakteurin, tw tagungswirtschaft
Der DGN-Kongress wird rein digital stattfinden. Doch wie ist das mit Ihren anderen Veranstaltungen, etwa den Fortbildungsveranstaltungen? Gibt es eine Strategie für 2021, wie Sie diese in Corona-Zeiten handhaben?
Klar, es gibt eine Strategie, alles andere wäre in der jetzigen Zeit fahrlässig. Wir planen für 2021 grundsätzlich alle Veranstaltungen parallel, also als Präsenz- oder Online-Veranstaltung. Das bedeutet z. B., dass wir im ersten Quartal 2021 entscheiden werden, ob wir unseren Kongress als Präsenzveranstaltung durchführen oder einen 2. Online-Kongress auf die Beine stellen werden. Das hängt maßgeblich von der Zulassung eines Impfstoffes ab. Wir planen darüber hinaus monatliche Online-Updates, die live über unser Kongress-Portal angeboten werden. Die Technologie ist ja nun entwickelt und diese Formate werden auch in der Post-Corona-Phase angeboten und sollen ausgebaut werden. Es war schon lange unser Wunsch, den Kongress nicht nur auf vier Tage zu begrenzen, sondern ihn zu einem „365/24“-Format zu transformieren. Corona war hier, wie bei so vielen anderen Themen, eine Art Brandbeschleuniger. Unsere Gremien und Kommissionen organisieren sich aktuell sehr gut über Videokonferenzen. Das werden wir im nächsten Jahr fortsetzen. Kleinere Veranstaltungen mit bis zu 200 Personen möchten wir gern als komplette Präsenzveranstaltung unter Einhaltung der bekannten Hygiene- und Abstandsregeln anbieten. Sie sind regional konzentriert, ohne lange An- und Abfahrt für Vortragende und Teilnehmer*innen und wichtiger Bestandteil für die Fort- und Weiterbildung gerade junger Neurolog*innen. Aktuell planen wir für 2021 bis zu 10 Veranstaltungen in dieser Form.