Kann ich mein Event gegen Pandemien versichern?

Versicherungsmakler Matthias Glesel gibt Auskunft

Versicherungsmakler Matthias Glesel gibt Auskunft

Aufgrund des Coronavirus werden derzeit zahlreiche Veranstaltungen in Deutschland wie die IMEX in Frankfurt oder die ITB in Berlin abgesagt oder verschoben. Veranstalter stellen sich die Frage, ob man Messen und Kongresse gegen Pandemien und damit verbundene Ausfälle überhaupt versichern kann, wer sich bislang versichert hat und welche Konsequenzen sich aus den Absagen und Verschiebungen ergeben. Drohen Haftungsrisiken? Matthias Glesel, Geschäftsführer bei Compact Team Versicherungsmakler, der sich auf Versicherungen von Veranstaltungen spezialisiert und mit der Marke EventAssec über 200.000 Events mit mehr als 200 Millionen Besuchern versichert hat, gibt Antworten auf die derzeit drängendsten Fragen.

eventcrisis: Aufgrund des Coronavirus wurden die IMEX in Frankfurt oder die ITB in Berlin abgesagt. Sind Veranstaltungen gegen Absagen und Ausfälle aufgrund von Pandemien versicherbar?
Mathias Glesel: In einer Veranstaltungsausfallversicherung sind Pandemierisiken erstmal ausgeschlossen. Denn grundsätzlich deckt eine Ausfallversicherung Gründe, die außerhalb der Einflussnahme des Veranstalters liegen und zu Abbruch, Absage, Verlegung, wesentlicher Änderung in der Durchführung der versicherten Veranstaltung liegen. Das Pandemierisiko kann bei wenigen Anbietern per Klausel in der Versicherung eingeschlossen werden, derzeit ist das allerdings aufgrund der aktuellen Situation nicht mehr möglich. Es besteht bei allen mir bekannten Marktteilnehmern Zeichnungsverbot.

Gegen welche besonderen Fälle könnte ich meine Veranstaltung eigentlich versichern?
Eine Ausfallversicherung wird mit einer Liste von Ausschlüssen begleitet. Diese sind dann wiederum je nach Bedarf der Veranstaltung per Klausel individuell wieder versicherbar. Dazu zählen folgende Fälle:
- Terror, Attentate, Amok und Androhungen davon
- Streik, Innere Unruhen
- Pandemierisiken
- Wetterausfall, Katastrophenwetter, Überschwemmungen, Unbespielbarkeit, Starkregen, Hitze, Schnee(mangel)
- Ausfall von Künstlern, Referenten, Speakern
- Entzug von hoher Hand, Beschlagnahme
- Pietät, Staatstrauer u.a.m.

Wogegen versichern sich Veranstaltungen typischerweise?
Bisher war Terror ein großes Thema, ist es auch weiter, dazu werden natürlich gerade bei Open-Air-Veranstaltungen Wetterrisiken jeder Art versichert. Zukünftig werden sicherlich Pandemierisiken wie Corona eine große Rolle spielen. Ob und wann diese Risiken wieder versicherbar sind, wird sich nach dem Sommer zeigen. Alle anderen Risiken sind natürlich weiter versicherbar.

Die Versicherungswirtschaft berichtet, Veranstaltungen seien häufig noch nicht gegen Pandemierisiken abgesichert – weil der Schutz teuer sei und Pandemien bisher kaum aufgetreten seien, das Risiko also als gering bewertet wurde. Wie ist die Situation tatsächlich: Bestehen Deckungslücken und droht eine Unterversicherung bei Veranstaltungen?
Die Deckungslücken dürften erheblich sein. Ohnehin besteht nur eine unzureichende Absicherung gegen Ausfallrisiken, weil diese recht kostenintensive Versicherungsform häufig einfach nicht ins Budget einkalkuliert wird. Ein fataler Fehler. Angebote innerhalb einer Bindefrist sind noch policierbar, neue Angebote gibt es nicht. Die wenigsten Veranstaltungen sind mit einem Ausfallschutz versichert Würde ich schätzen, dann sind von 100 Veranstaltungen, Messen, Konferenzen und Konzerten keine 15 gegen Ausfall versichert und vielleicht eine auch gegen Pandemierisiken. Bei kleineren Veranstaltungen ist die allgemeine Versicherungsquote übrigens wesentlich geringer als bei Großveranstaltungen. Wir hatten seit Ende Februar innerhalb von zwei Wochen über 2.000 Anfragen nach Ausfallversicherungen. Fast alle wegen Corona und fast alle zu spät. Darunter waren Staatskanzleien, Bundesministerien, große Messegesellschaften, sogar Versicherer mit ihren eigenen Veranstaltungen und Messen. Es ist einfach zu spät. Im Januar hätten wir noch Neuanfragen zeichnen können. Das eigentliche Risiko ist eher schwer einschätzbar, ich halte viele Maßnahmen für recht blinden Aktionismus. Wegen der saisonalen Gripperisiken hat noch nie jemand eine Pandemiedeckung erwogen.

Müssen Aussteller durch den Veranstalter entschädigt werden, wenn eine Veranstaltung wegen des Coronavirus sicherheitshalber abgesagt wird?
Erstmal sind Verträge einzuhalten, also alle Kosten zu tragen. Eine rein präventive Absage führt weder zu einer Lösung von Verträgen noch zum Eintritt der Ausfalldeckung. Auch ist das Thema nicht per se höhere Gewalt, was von vertraglichen Verpflichtungen rechtlich entbinden würde. "Höhere Gewalt" ist hier auch nicht ganz der richtige Terminus. Es handelt sich um eine Leistungsstörung, ein Entstehen einer Unmöglichkeit der Erbringung nach §§ 275,313 BGB. Ist die Durchführung einer Veranstaltung unmöglich geworden (durch Verbot), wird der Veranstalter davon befreit und die Besucher, oder Aussteller dagegen von der Pflicht zur Bezahlung. Für die vertraglich gebundenen Dienstleister ist das nicht so einfach, sich zu lösen. Schadensersatz gibt es nur bei verschuldeter Haftung, die sehe ich hier nicht, bzw. nur bei organisatorischen Fehlern. Die kann ich jemandem, der vor einem Jahr eine Messelocation in Honkong gebucht hat, schwerlich vorwerfen, einer kürzlich erfolgten Buchung schon eher.

Kann ich mich eigentlich auch als gemietete Location versichern?
Ja, das ist möglich. Das gilt für den eigenen Etat, wobei der Mieter ja in der Pflicht bleibt. Es sei denn, es handelt sich tatsächlich um höhere Gewalt.

Und wie verhält es sich für mich als Dienstleister einer Veranstaltung, beispielweise Caterer, Messebauer oder Künstler?
Jede beteiligte Partei kann ihren Part auch gegen Ausfall versichern. Aber auch hier gilt zu beachten: Jeweils für den eigenen Anteil der Kosten, bzw. den Umsatz- oder Ertragsausfall.

Versicherer müssen bei einer Pandemie mit enorm hohen Kosten kalkulieren - weil die Pandemie ja viele Events auf einmal betrifft. Wer versichert solche Risiken? Kann es sein, dass dieses Risiko künftig nicht mehr versicherbar ist?
Es ist wohl eher ein Rückversichererthema, auch Konsortialzeichnungsgemeinschaften sind bei Erstversicherern da üblich. Wir haben für einen Kongress mit einer Mio. Euro Ausfallsumme üblicherweise ca. 0,8% Grundbeitragssatz, neben Optionen wie Terror, Pietät, etc. dann Pandemieausfall für 0,2%. Also nicht übermäßig teuer. Das wird sich wohl deutlich ändern und einpegeln. Wichtig ist, dass die Organisatoren dafür genauso sensibilisiert werden, wie für Terror- und Wetterrisiken. Das erfordert natürlich auch ein adäquates Angebot, das derzeit nicht existent ist.

Gibt es eine Faustregel, an der ich mich orientieren kann, wenn ich meine Veranstaltung versichern möchte?
Das hängt natürlich von den jeweiligen Versicherungen und den Details, ab aber um Ihnen eine Vorstellung zu geben, rechnen wir ein fiktives Beispiel einer Messe mit kalkulierten Kosten in Höhe von einer Mio. Euro. Für die Grunddeckung veranschlagen wir einfach mal 0,75%, für die Zusatzklausel für eine Abdeckung gegen Terror oder eine Androhung dessen 0,3%, dazu nehmen wir noch eine Klausel gegen Streik bzw. innere Unruhen (0,05%) und gegen Pietät bzw. Staats- oder Nationaltrauer (0,05%), womit wir insgesamt bei 1,15%, also 11.500 EUR netto wären. Das als simples Beispiel. Gegen welche Risiken Sie Ihre Veranstaltung versichern wollen und welchen Prozentsatz die in Frage kommenden Versicherungsgesellschaften anbieten – bei Wetter- und Künstlerausfall kann das schon mal bis 2,5 % gehen – hängt natürlich von den jeweiligen Fällen ab. Übrigens existieren wie bei anderen Versicherungen auch ebenfalls Elemente wie Nachlässe, Schadensfreiheitsnachlässe etc.

Schauen wir in die Zukunft: Was wäre aus Ihrer Sicht die optimale Herangehensweise, um meine Veranstaltung gegen alle möglichen Eventualitäten abzusichern?
Je früher Sie den Faktor Versicherung bei Ihrer Veranstaltung bedenken, desto besser, denn ab Antragstellung besteht auch ein Jahr im Voraus bereits Versicherungsschutz. Natürlich sollte man generell die nötigen Versicherungen auch im Kostenplan kalkuliert haben, da macht man mit ca. 2-3% der Veranstaltungskosten nichts falsch, aber pauschal lässt sich das freilich nicht sagen, weil jede Veranstaltung individuell zu betrachten ist. Dafür gibt es Berater und Spezialisten, die dazu da sind, um die passenden und wirklich wichtigen Klauseln zu empfehlen, auszuschreiben und im Endeffekt auch zu verhandeln.

Wie sieht die Abwicklung aus, wenn eine Versicherung im Ernstfall greift?
Meist wird ein Sachverständiger eingeschaltet, der die versicherten Kosten, und ggf. mitversicherten Umsatzausfälle prüft. Dessen Bericht ist dann Grundlage für den Versicherer. Im Falle eines durch Wetter 10 Minuten vor Beginn der TV-Direktübertragung abgesagten internationalen Sportwettbewerbs in Süddeutschland wurde bereits nach wenigen Tagen eine sechsstellige Vorabzahlung gewährt, um die Dienstleister bezahlen zu können. Je besser die Unterlagen des Kunden aufbereitet sind, desto schneller läuft die Regulierung. Immer ein heißes Thema ist der Ausfall eines Künstlers. Oft ist die Absage wegen einer akuten Erkrankung nicht so eindeutig und Arztberichte nötig. Da muss der Künstler auch mitwirken. In der Praxis stellt sich ein derartiger Fall nicht eben einfach dar.

Zum Abschluss noch eine rechtliche Frage. Veranstalter müssen laut BGH für das Wohlbefinden der Besucher garantieren. Können hier Haftungsrisiken für Veranstalter drohen, wenn sie ein Event nicht absagen – und herauskommt, dass die Veranstaltung zur Ausbreitung des Coronavirus (massiv) beitrug?
Schwierig. Eher nicht. Dazu müsste die Prävention absolut gewährleistbar sein, das ist sie nicht. Wo Menschen zusammenkommen, bestehen Infektionsrisiken. Werden jetzt Kaufhäuser, Arztpraxen, Flughäfen, Bahnhöfe und Stadien auch – rein präventiv – geschlossen? Es muss ja immer noch erstmal jemand hingehen. Der Besucher entscheidet, ob ihm das theoretische Risiko die Teilnahme wert ist, das gilt ja für jegliche Gefahren, die er mit dem Besuch mehr oder weniger billigend in Kauf nimmt. Jede Arztpraxis, jede Rettungsstelle ist meines Erachtens nach kritischer für Infektionen jeder Art zu sehen. Grundlegende Hygienemaßnahmen sind zu gewährleisten, der Rest ist menschliches Verhalten. Also eine „Verbreiterhaftung“ lässt sich hier meiner Meinung nach schwer bis gar nicht konstruieren.

www.eventassec.de