„COVID-19 hat uns mit voller Wucht in unser Gastgeberherz getroffen“

“Give me 5” - Fünf Fragen der eventcrisis.org-Redaktion an Gerhard Stübe

Gerhard Stübe (links) im Gespräch, Foto: Anja Köhler

Gerhard Stübe, Präsident Austrian Convention Bureau (ACB) und Geschäftsführer Kongresskultur Bregenz, über das berühmte Wir-Gefühl, ein hybrides Vorarlberger Kultur-Picknick und den neu gegründeten „Austrian Event Pool“.

Timothy Aldrich, Trainee Communications, GCB: Die Grenzschließungen und die Beschränkungen des öffentlichen Lebens haben Österreichs wichtiges Gastgewerbe fast zum Stillstand gebracht. Nun wurde eine Lockerung der Beschränkungen für die Gastronomie und Hotellerie angekündigt sowie über die schrittweise Öffnung der Grenze diskutiert. Wie sind die ACB-Mitglieder mit diesem “Stillstand” umgegangen und welche Vorkehrungen müssen sie für den Re-Start treffen?

COVID-19 hat uns mit voller Wucht in unser Gastgeberherz getroffen. Österreichs Wirtschaft nährt sich zu einem guten Teil aus dem Tourismus. Sowohl Urlaubstourismus, als auch Geschäfts- und Kongresstourismus. Der ersten Ohnmacht zu Beginn, folgte eine noch nie da gewesene „Wirhaltenzusammen“-Bewegung. Aus dieser heraus haben sich nunmehr Arbeitsgruppen entwickelt, welche versuchen, gemeinsam mit den relevanten Interessensvertretungen und Ministerien Möglichkeiten zu erarbeiten, wie Österreich schnellstens wieder durchstarten kann. Dass die Grenzen innerhalb der EU wieder aufgehen, ist für einen Re-Start der Veranstaltungsbranche jedoch mindestens genauso wichtig wie die Vorkehrungen im eigenen Land. Verbandsintern sprechen wir uns mehr denn je untereinander ab. Digital versteht sich. Sowohl innerhalb des Vorstands, aber auch innerhalb der einzelnen Kategorien. Durch die zahlreichen Gespräche merkt man, dass man nicht alleine dasteht, dass es anderen ebenso geht. Bekommt den einen oder anderen Tipp, wie man mit dem eigenen Team bestmöglich sprechen kann und erhält auch aufmunternden Zuspruch. Auch hier stellt sich das berühmte „Wir-Gefühl“ ein. Das tut einfach gut.

Christian Funk, Redakteur, tw tagungswirtschaft: In Österreich hat die Corona-Pandemie zu einer ähnlich dynamischen Entwicklung beigetragen wie auch in Deutschland. Die österreichische Regierung hat stets schnell Maßnahmen angekündigt und umgesetzt. Wie sieht es mit der Unterstützung bei Ihnen für die Veranstaltungsbranche aus? Gibt es Hilfsprogramme?

Eines gleich vorweg: Ich halte nichts von lautem Geschrei nach: Man sollte, man müsste, man könnte. Wir sind derzeit froh, dass es für alle Unternehmen die COVID-Kurzarbeit gibt, dass es staatlich besicherte Überbrückungskredite gibt und dass unser Finanzminister am Anfang der Krise in einer Pressekonferenz betont hat, alles zu tun, damit Österreich die Krise überstehen wird, „koste es, was es wolle“. Die parteipolitischen Machtspielchen wurden bislang spürbar hintangehalten, die Koalition aus Türkis und Grün hat zusammengehalten wie Pech und Schwefel. Derzeit jedoch könnte man meinen, werden die Karten wieder neu gemischt, und das Wirtschaftsressort pokert gegen das Gesundheitsressort. Ich hoffe sehr, dass der Eindruck täuscht und die Hilfsprogramme auch für unsere Branche so gestaltet sein werden, dass die Unternehmen auch weiterhin Veranstaltungen planen und umsetzen können. Die kommenden Monate werden jedenfalls zeigen, ob gemeinsam oder gegeneinander gearbeitet wird.

Ronja Heise, Online-Redaktion, tw tagungswirtschaft: Im Innovationsnetzwerk micelab:bodensee engagieren Sie sich für eine neue Kongresskultur. Spielen dabei auch digitale Entwicklungen eine Rolle und denken Sie, dass die gegenwärtige Situation eine (notwendige) Digitalisierung beschleunigt?

Ja, und ja. So haben die Erkenntnisse aus den unterschiedlichen micelab:bodensee-Modulen zum Beispiel zur Entwicklung eines mobilen Kommunikations-Tools beigetragen. Seine Feuertaufe mit über 220.000 Downloads und 2,2 Mio. Aufrufen an der Weltgymnaestrada 2019 hat es erfolgreich bestanden und wird jetzt als Events Vorarlberg App für Kongresse, Messe, Sport und Kulturveranstaltungen in unserem Bundesland weiterentwickelt. Im Vordergrund steht die Kommunikation zwischen Teilnehmer*innen und Besucher*innen, vor, während und nach einer Veranstaltung. Des Weiteren profitieren wir im Moment sehr stark davon, dass wir bereits vor COVID-19 sehr viel relevante Inhalte entwickelt haben: Vom 3D-Planungstool unserer Räumlichkeiten im Festspielhaus, den digitalen und individualisierbaren Angebotsvorlagen, inkl. digital buchbaren Zusatzleistungen rund um eine Veranstaltung. Tools wie asana, Microsoft Teams, etc. helfen uns intensiv in der Kommunikation untereinander sowie in der Produkt- und Projektentwicklung. Aus meiner Sicht ist die Art und Weise der beruflichen Kommunikation durch den Einsatz digitaler Tools quantitativ geringer, qualitativ jedoch effektiver geworden. Wie Zukunftsforscher uns schon vor COVID-19 immer wieder erklärt haben, schreibt sich die Zukunft nicht linear fort. Auch wenn dies viele von uns gerne so hätten. Dementsprechend wird die digitale Welt noch mehr Einzug halten in Planung und Umsetzung unserer Veranstaltungen. Davon bin ich überzeugt.

Dr. Martina Neunecker, Head of Communications, GCB: Das Festspielhaus Bregenz ist derzeit geschlossen. Versuchen Sie, einen Teil des geplanten Programms dennoch in neuer oder anderer Form stattfinden zu lassen, beispielsweise virtuell?

Derzeit steht nach außen hin alles still. Intern waren wir bis letzte Woche noch dabei, die Bregenzer Festspiele vorzubereiten. Leider hat die Regierung kein „grünes Licht“ gegeben. Parallel dazu hat sich Urs Treuthardt, Team-Mitglied im micelab:bodensee, mit anderen klugen Köpfen in unserem Bundesland digital getroffen, um ein hybrides Vorarlberger Kultur-Picknick für diesen Sommer zu entwickeln. Kultur im Freien für Einwohner und Gäste, auf Picknick-Decken, mit Picknick-Körben gefüllt mit Spezialitäten aus der Region, mit in Vorarlberg entwickelten „Abstands-Reglern“. Künstler*innen stehen live auf Bühnen und werden digital in die Gärten, Parks und auf Terrassen, etc. per Livestream übertragen. Anmeldungen erfolgen über eine Event-App und jedem interessierten Beherbergungsbetrieb steht ein gewisses Kontingent an Tickets kostenfrei zur Verfügung. Die Initiative verbreitet sich wie ein Lauffeuer. Somit ist der Bogen zum micelab:bodensee als Innovationstreiber für die Region wieder gespannt.

Kerstin Wünsch, Chefredakteurin, tw tagungswirtschaft: In Deutschland dürfen bundesweit bis 31. August 2020 keine Großveranstaltungen stattfinden. Was eine Großveranstaltung ist, das definiert jedes der 16 Bundesländer für sich. Wie ist die Lage in Österreich?
Diese Einschränkung gilt derzeit auch bei uns. Österreich ist nicht so sehr föderalistisch strukturiert wie Deutschland. Das heißt, die Bundesregierung trifft die Entscheidungen, welche dann durch die Länder und deren Behörden um zu setzen sind. Die veranstaltungsrelevanten Bereiche sind in diesen Tagen dabei, sich als neu gegründete ARGE „Austrian Event Pool“, den Ministerien mit Experten-Know how zur Verfügung stehen zu dürfen. Ziel ist ein gemeinsam erarbeiteter Maßnahmenkatalog, der allen Beteiligten, Behörden wie Veranstalter und Häuser, in der Umsetzung von Veranstaltungen Rechtssicherheit bietet. Dazu sollen auch sinnvolle Veranstaltungsgrößen, Mindestabstände, Hygienemaßnahmen, etc. definiert werden. Bei allen bisherigen verordneten Maßnahmen war der Regierung eines wichtig: die Selbstverantwortung in der individuellen Umsetzung der Maßnahmen innerhalb der einzelnen Unternehmen. Dieser Ansatz sollte im Bereich von Veranstaltungen ebenfalls gewährleistet werden. So läge es auch an uns Kongresshäusern und Locations, eine größere Menge von Teilnehmer*innen und Besucher*innen so zu handeln, dass trotz gewissen Einschränkungen ein Veranstaltungsbetrieb möglich ist. Mit einer Person pro 10 qm und 2 m Abstand zur nächsten Person wäre dies jedoch fast aussichtslos. Deshalb laufen unsere Bemühungen darauf hinaus, in Gesprächen mit der Regierung diese Grenzen nach unten zu bringen. Alles andere hilft unserer Branche nicht wirklich weiter.