„Hybride Events als Sicherheitsgurt“

Interview mit Stefan Kirchner, Kölner Verbände Seminare

Stefan Kirchner, Kölner Verbände Seminare

Stefan Kircher, Bereichsleiter Veranstaltungen der Kölner Verbände Seminare, spricht im Interview über die Digitalisierung des Veranstaltungsportfolios und seinen Wunsch nach Planungssicherheit.

Eventcrisis: Großveranstaltungen bleiben bis mindestens 31. August 2020 verboten. Die Definition, was unter einer Großveranstaltung zu verstehen ist, obliegt den Bundesländern und ist nach wie vor vielfach unklar. Wie gehen Sie mit dieser Planungsunsicherheit um?
Stefan Kirchner: Das ist für unsere Arbeit eine sehr schwierige Situation. Wäre beispielsweise eine Konferenz mit 200 oder 300 Teilnehmer*innen zulässig? Wo ist die Grenze? Inzwischen legen zwar erste Bundesländer Stufenpläne für die Öffnung von Veranstaltungen vor, aber es bleibt abzuwarten, welche Anforderungen an entsprechende Hygienekonzepte gestellt werden. Ein Kongress oder eine Konferenz sind unter Laborbedingungen nur sehr schwer durchzuführen – gefragt sind pragmatische Lösungen. Es ist momentan ein bisschen wie Russisch-Roulette. Die Kölner Verbände Seminare planen jedenfalls bis Ende August keine Veranstaltungen mit mehr als zehn Teilnehmer*innen. Die Unsicherheit beschränkt sich nicht nur auf den rechtlichen Rahmen, sondern betrifft auch die potenziellen Teilnehmer*innen unserer Veranstaltungen: Wie wird sich das Verhalten bzw. die Nachfrage ändern? Welche Bestimmungen werden Unternehmen und Verbände umsetzen, wenn es um Dienstreisen und Weiterbildungen ihrer Mitarbeitenden geht? Schließlich ist auch die Gewinnung von Sponsoren und Ausstellern in der momentanen Lage praktisch unmöglich. Zusammengefasst: Wir befinden uns in einer Situation maximaler Planungsunsicherheit.

Für viele Verbände stehen in den nächsten Wochen und Monaten Mitgliederversammlungen an. Physische Präsenz ist auf absehbare Zeit nicht möglich. Welche Lösungsansätze beobachten Sie? Gibt es z.B. verstärkt virtuelle Mitgliederversammlungen?
Ich habe den Eindruck, dass die Verbände bei diesem Thema noch ganz am Anfang stehen und nach Möglichkeiten suchen, ihre Präsenzveranstaltungen zu ersetzen – vom großen Kongress bis zu kleinen Mitglieder-Veranstaltungen. Wir erhalten viele Nachfragen zum Thema Webinare. Das zeigt, dass sich viele Verbände vor Corona gar nicht aktiv damit auseinandergesetzt haben. Der Markt für digitale Tools stand bislang nicht in ihrem Fokus. Es gibt wenige Erfahrungswerte und somit auch hier große Unsicherheit. Umso wichtiger ist jetzt der Austausch sowohl mit Profis aus dem Eventbereich als auch der Verbände untereinander. Wir müssen die nächsten Wochen und Monate beobachten, wie sich die Situation weiterentwickelt und welche Tools sich durchsetzen.

Wie haben Sie Ihr Veranstaltungs- bzw. Weiterbildungsangebot angepasst? Erleben Sie bei bestimmten Themen derzeit eine besonders starke Nachfrage?
Vor rund sechs Wochen haben wir entschieden, dass wir etwas tun müssen, und daraufhin die ersten zehn digitalen Veranstaltungen in unser Portfolio aufgenommen. Die Teilnahme daran ist nicht kostenfrei. Für die erste Veranstaltung in der Osterwoche hatten wir gleich 20 Anmeldungen, das hat uns wirklich positiv überrascht. Das Gute ist: Ein Webinar können wir theoretisch auch mit zwei Leuten durchführen, das ist der große Unterschied zu einem Präsenz-Seminar. Aktuell sammeln wir vor allem Erfahrungswerte, um einschätzen zu können, welche der digitalen Angebote besonders gut funktionieren. Es zeigt sich aber schon, dass Themen wie „Veranstaltungsrecht während Corona“ oder auch „Führen in der Krise“ stark nachgefragt werden. Gleichwohl bin ich überzeugt: Egal wie gut sie laufen, die digitalen Angebote können das Präsenzgeschäft langfristig nicht ersetzen.

Welche Art der Unterstützung aus der Politik wünschen Sie sich?
Am allerwichtigsten ist für uns Planungssicherheit. Wir brauchen belastbare Aussagen, damit wir den Blick in die Zukunft richten können. Der 31. August steht als bundesweites Datum im Hinblick auf Großveranstaltungen, Berlin beispielsweise hat aber bereits bis 31. Oktober 2020 Veranstaltungen mit mehr als 5.000 Teilnehmer*innen verboten. Ich erwarte von der Politik Verlässlichkeit und entsprechende Stufenpläne, so dass auch schon bis Ende August peu à peu Lockerungen für die Veranstaltungswirtschaft umgesetzt werden können.

Wie sehen Ihre Planungen für den Verbändekongress 2020 aus – gibt es schon einen neuen Termin?
Ein erster Nachholtermin war für Ende August vorgesehen, der ist nun höchstwahrscheinlich nicht machbar. Wir wissen aber auch nicht, ob ein Termin im September oder Oktober möglich ist. Unser Ziel ist es ganz klar, den Verbändekongress noch in diesem Jahr durchzuführen. Bis dahin bauen wir unsere Veranstaltungen soweit möglich zu hybriden Events um. Das ist für uns eine Art Sicherheitsgurt, damit wir nicht von 100 auf 0 fallen. Ich bin überzeugt, dass Präsenzveranstaltungen erst wieder maximal an Fahrt aufnehmen werden, wenn ein Impfstoff gegen das Coronavirus vorliegt.

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