„Wir haben eine neue Medienplattform gegründet: re-publica.tv“

“Give me 5”: Fünf Fragen der eventcrisis.org-Redaktion an Jeannine Koch

Jeannine Koch, Director re:publica, Foto: Dominik Butzmann

Jeannine Koch ist Director der re:publica, Deutschlands größter Konferenz für die digitale Gesellschaft. Im Interview spricht sie über das digitale Exil der re:publica am 7. Mai 2020 und die “Turbo-Digitalisierung”.

Timothy Aldrich, Trainee Communications, GCB: Viele Veranstaltungen werden gerade in den virtuellen Raum gelegt. Als größte europäische Konferenz zu den Themen Internet und digitale Gesellschaft plant das re:publica-Team aber trotz eines digitalen Formats im Mai auch die Verschiebung der Präsenzveranstaltung in den Herbst. Können Sie uns Einblicke in den Entscheidungsprozess zugunsten zweier Veranstaltungsformate geben?
Jeannine Koch: Wir mussten im März unsere Mai-Veranstaltung schweren Herzens - aufgrund der Vorgaben der Bundesregierung und des Landes Berlins und natürlich vor allem, weil wir unsere gesellschaftliche Verantwortung sehr ernst nehmen - verschieben. Zu diesem Zeitpunkt waren wir mit unseren Planungen und Vorbereitungen für die analoge Mai-Veranstaltung schon extrem weit. Von daher war es uns ein intrinsisches Anliegen, zumindest einen Teil der geplanten Vorträge ins Netz zu bringen. Gleichzeitig wollten wir aber auch nicht den Zeitpunkt verpassen, etwas zur aktuellen Debatte beizutragen, denn das macht die re:publica seit 14 Jahren aus. Vorreiterin in dem Diskurs der gesellschaftlich relevanten Diskussionen zu sein. Und wir alle spüren derzeit mehr denn je, wie wichtig es ist, im Dschungel der zahlreichen Informationen, die tagtäglich auf uns einprasseln, den Kompass nicht zu verlieren. Und hier möchten wir am 7. Mai im digitalen Exil einen Ankerpunkt setzen, um sich mit uns allen gemeinsam Orientierung zu verschaffen.

Christian Funk, Redakteur, tw tagungswirtschaft: Wann die re:publica tatsächlich wieder stattfinden darf, steht weiter in den Sternen. Für den ursprünglich geplanten Termin im Mai schwebt euch eine „re:publica im digitalen Exil“ vor. Was habt ihr geplant?
Wir haben in den letzten acht Wochen, nach der Bekanntgabe der Verschiebung ins digitale Exil, im Grunde eine neue Medienplattform gegründet: re-publica.tv. Auf dieser Website werden wir am 7. Mai von 11:30 Uhr bis 23 Uhr durchgängig und kostenlos für alle Teilnehmer*innen auf vier Kanälen ein re:publica-typisches Programm streamen. Panels, Interviews, Diskussionsformate und digitale „Diskussionsräume“, in denen wir unsere Teilnehmer*innen in Q&As zusammenbringen, um mit einigen unserer Speaker in den Austausch zu gehen. Wir haben zudem einen „Digitalen Hof“ als weiteren Interaktionskanal für alle ins Leben gerufen, in dem re:publica-Mentor*innen, also Menschen, die die re:publica seit Jahren besuchen und sie wie ihre Westentasche kennen, zum Mitmachen einladen werden. Hier haben sich alle Beteiligten tolle Formate und Aufgabenstellungen überlegt, die vor allem den Wegfall der analogen „Umarmung“ und des analogen „Netzwerkens“ kompensieren sollen und somit zumindest einen virtuellen Ort des Austausches untereinander darstellen sollen. Wir sind selbst sehr gespannt, wie sich unsere Ideen dann in der Umsetzung anfühlen werden. Wir sind natürlich unendlich dankbar, dass es so viele treue Menschen in der Community gibt, die sich an diesem Tag Zeit nehmen, um diesen Prototypen einer neuartigen Digital-Konferenz mit Leben zu füllen.

Ronja Heise, Online-Redaktion, tw tagungswirtschaft: Die re:publica dreht sich um die digitale Gesellschaft. Aufgrund der aktuellen Situation rücken diese Themen wieder stark in den Fokus der Öffentlichkeit: Viele Arbeitnehmer arbeiten aus dem Home-Office, Workshops und Veranstaltungen finden digital statt und globale Meetings werden mithilfe von Videokonferenzen abgehalten. Welches Zukunftspotenzial sehen Sie hier?
Ich glaube, wir haben alle gemeinsam beobachten können, wie in den letzten Wochen die „Turbo-Digitalisierung“ in Deutschland stattgefunden hat. Sämtliche Unternehmen, selbst jene, die sich jahrelang dagegen gewehrt haben, ihren Mitarbeiter*innen VPN-Zugänge zu ermöglichen, müssen sich nun eingestehen, dass es doch in dieser Zeit mehr als nützlich ist, ihre Angestellten mit Hard- und Software auszustatten, um die Wirtschaftlichkeit des Unternehmens zu sichern. Es wird kein Zurück mehr geben von diesem Punkt aus. Und das sehen wir aktuell auch an der Debatte, die Hubertus Heil mit dem „Recht auf Home Office“ kürzlich angestoßen hat. Insofern reden wir nicht über Zukunftspotenzial, denn dieses „Arbeit 4.0“ ist bereits da – wir sind in der Zukunft angekommen. Die Auswirkungen dessen werden vor allem – und hoffentlich – in den vielen Reisetätigkeiten sichtbar werden. Hier wird vermutlich intensiver geprüft, welche Reisen wirklich notwendig sind und welche nicht. Und das könnte dann sogar noch einen positiven Effekt auf das Klima und unsere CO2-Emmissionen haben. Gleichzeitig sehen wir aber auch, was uns die stundenlangen Video-Konferenzen abverlangen. Ein Höchstmaß an Konzentration und jede*r, die/der schon mal digitale Sitzungen leiten durfte, weiß wie anspruchsvoll es ist, die Mimiken und Gestiken der Kolleg*innen zu lesen. Denn eines fehlt doch ungemein in der virtuellen Zusammenkunft: Die Energie im Raum. Das, was zwischen den Zeilen passiert, die Gleichzeitigkeit von Aktion und Reaktion. Von daher denke ich, dass wir es künftig viel mehr mit Video- und Telefonkonferenzen zu tun haben werden, aber hoffentlich nicht immer – für immer – auf reale Begegnungen verzichten müssen. Bis zu dem Zeitpunkt an dem all diese Ebenen auch in der virtuellen Welt abbildbar sein werden. Mal gucken, wie lange das noch dauern wird.

Martina Neunecker, Head of Communications, GCB: Im Kampf gegen Corona wird derzeit eine weitreichende Datenerhebung und -speicherung, z.B. von Bewegungsprofilen der Menschen, diskutiert. Datenschutz und informationelle Selbstbestimmung der Bürger*innen vs. Eindämmung der Pandemie - auch ein Thema für die re:publica?
Absolut. Das ist ja vollkommen klar, dass wenn wir zu dieser Zeit eine Veranstaltung umsetzen, dass wir uns, wie gewohnt, den wichtigen aktuellen Debatten widmen. Wir betrachten auch dieses Thema, wie bei der re:publica gewohnt, sehr interdisziplinär. Das heißt wir haben sowohl Speaker, die aus Sicht der Sozialwissenschaften als auch aus dem Blickwinkel der wirtschaftlichen Betrachtungsweise auf das Thema gucken werden. Die Macher*innen des bekannten Drosten-Podcast werden Teil des Programms sein, genauso wie Chris Köver, Ingo Dachwitz zum Thema „Die Corona-Tracing-App: Zentral, dezentral - vollkommen egal? Und Janina Voigt, Björn Scheuermann und Julia Kloiber mit dem Panel COVID-19 Community Mobility Reports and Differential Privacy. Mit der Helmholtz Information & Data Science Academy (HIDA) gucken wir auf das Thema „Daten, Daten, Daten: Welche Daten helfen im Kampf gegen das Virus?"  und Raul Krauthausen und Nancy Poser werden uns einen Einblick zum Thema „Triage zwischen Ethik, Politik und dem Grundgesetz“ geben. Das ausführliche Programm gibt es hier.


Kerstin Wünsch, Chefredakteurin, tw tagungwirtschaft: Angesichts des Coronavirus haben Sie die re:publica mit dem Motto “As soon as possible” von Mai auf den 10. bis 12. August verschoben. Das Motto: “As summer as possible”. Was nun? Bis 31. August dürfen in Berlin keine Veranstaltungen mit mehr als 1.000 Teilnehmern stattfinden.
Hier prüfen wir aktuell, welche Formate in Zukunft umsetzbar sind.

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