Nichts bleibt wie zuvor

Eine Betrachtung zur MICE-Branche in der Post-Corona-Epoche

Dr. Stefan Rief, Fraunhofer IAO

Dr. Stefan Rief ist Leiter des Forschungsbereiches Organisationsentwicklung und Arbeitsgestaltung am Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO) in Stuttgart. In seinem Gastbeitrag für eventcrisis.org erläutert er mehrere Thesen zum Re-Start der Veranstaltungswelt in der Post-Corona-Zeit.

Die Corona-Pandemie ist für unsere Generationen ohne Beispiel. Nach über zehn Jahren stetigen Wirtschaftswachstums, zunehmender Internationalisierung und steigendem Wohlstand in fast allen Teilen der Welt steht das Wirtschaftsleben nahezu still. Ganz besonders betroffen ist die MICE-Industrie, die abhängig ist vom Zusammenkommen der Menschen. Niemand kann im Moment seriös voraussagen, wann die Pandemie überwunden ist oder wie schnell und umfassend sich Wirtschaft und Gesellschaft davon erholen werden.

Doch eines erscheint mir sicher: Für die MICE-Branche beginnt danach eine neue Zeitrechnung. Millionen Menschen lernen gerade in einem Crash-Kurs von zu Hause aus, mit bisher für viele von uns ungewohnten und teilweise auch ungeliebten virtuellen Werkzeugen umzugehen. Unsere Art der Kommunikation verändert sich. Natürlich auch, weil die aktuellen Herausforderungen eine viel schnellere Abstimmung in unseren Organisationen verlangen. Wir erlernen im Moment aber auch, wie es gelingt, Kundennähe virtuell herzustellen – auch diejenigen unter uns, die bisher der festen Überzeugung waren, dass dies ausschließlich in einer persönlichen Begegnung gelingen kann. Wir nutzen die eingesparten Pendel- und Reisezeiten für die Kommunikation mit Kollegen und Kunden und genießen die einfache und spontane Verfügbarkeit von Ansprechpartnern über Video- und Webkonferenzen. Hinzu kommt eine Flut an kostenfreien Angeboten von Schulungen und virtuellen Konferenzen, die spontan und einfach vom eigenen (Heim-)Schreibtisch erreichbar sind. Wir müssen davon ausgehen, dass sich diese Formate in ihrer Methodik und Erlebnisqualität ebenfalls weiterentwickeln werden, so wie das die MICE-Industrie in den vergangenen Jahren auch konsequent und mit großem Erfolg getan hat.

Keiner von uns will länger oder gar dauerhaft nach dem Abebben der Pandemie in dieser extrem verteilten, virtuellen Arbeitssituation verharren. Ich bin sicher, dass wir danach sogar kurzfristig ein übersteigertes Bedürfnis nach persönlicher Begegnung erleben werden. Je länger die aktuelle Situation aber andauert, desto mehr der neuen Elemente werden wir nach einem Re-Start in unsere zukünftige Arbeits- und Lebenswelt integrieren. Was bedeutet das für die MICE-Welt in der Post-Corona-Zeit? Ich erlaube mir, die folgenden Thesen aufzustellen:

1. Das Angebot an kostenfreien virtuellen Seminaren und Konferenzen wird massiv zunehmen, die Qualität dieser Angebote wird ebenfalls rasch weiter steigen.
2. Durch die Möglichkeit, aktuelle Themen sehr kurzfristig bedienen zu können, erhöht sich der Druck auf klassische Präsenzangebote. Die Kurzfristigkeit der Themen haben wir bereit 2015 in unserem Forschungsverbund Future Meeting Space als eines der wesentlichen Anforderungskriterien für zukünftige Veranstaltungen identifiziert.
3. Die Zahlungsbereitschaft für klassische Präsenzveranstaltungen nimmt ab. Diese Entwicklung könnte vorübergehend noch durch ein schwieriges wirtschaftliches Umfeld verstärkt werden.
4. Zahlreiche Menschen haben sich durch die Zeit im Homeoffice daran gewöhnt, virtuelle Angebote zu nutzen – auch Personen, die sich das bisher keinesfalls vorstellen konnten.
5. Das Anlaufen der Wirtschaft und die in einigen Branchen erforderliche Neuausrichtung der Geschäftsmodelle, Produkte und Dienstleistungen binden Ressourcen. Vielen potenziellen Teilnehmern bleibt keine Zeit für längere Konferenzen mit zeitraubender Anreise.
6. Nicht alles ändert sich: Menschen werden sich zu allen Zeiten auch real treffen wollen.

Die MICE-Branche steht vor einem ähnlich tiefgreifenden Wandel wie ihn beispielsweise die Medienbranche und insbesondere die Zeitungs- und Zeitschriftenverlage durch die Online-Konkurrenz seit Jahren durchlaufen. Durch die Corona-Krise werden wir ein Fast-Forward in Richtung Zukunft erfahren. Menschen wollen sich auch weiterhin treffen – aber wir werden den Siegeszug neuer Formate, Dienstleistungen und Geschäftsmodelle erleben. Das Ökosystem „MICE“ wird sich verändern. Entscheidend für den Erfolg in diesem System ist dabei die vorbehaltlose Auseinandersetzung mit den Kunden- und Teilnehmerbedürfnissen, denn sie entscheiden letztlich, wofür sie in Zukunft ihre Zeit aufwenden – und das werden sie deutlich bewusster tun.

Diese Entwicklung bietet zahlreiche Chancen – insbesondere bei hybriden Formaten, also der hoffentlich gekonnten Mischung aus virtuellen und realen Elementen einer Veranstaltung. So wird die Einbindung hochkarätiger Referenten durch virtuelle Medien erleichtert, denn sie können kurzfristig und aktuell für Konferenzen gewonnen werden, die sie bisher wegen eines engen Zeitplanes nicht hätten bereichern können. In räumlich-verteilten Konferenzen, bei denen mehrere, kleinere Eventlocations virtuell zu einer Großveranstaltung verbunden werden, kommt zukünftig das Event in die Region und verknüpft zudem Regionen miteinander – mit kurzen Wege für die Teilnehmer und Experten, einem sozialen Miteinander und dennoch dem kompletten Zugang zum national oder international verteilten Wissen. Das ist nur ein Beispiel für einen neuen Veranstaltungstypus, dessen Marktanteil wachsen könnte.

Der Bedarf an Aktualität und Kurzfristigkeit wird weitere Veränderungen bringen: Plattformen, auf denen Veranstalter und Planer die Verfügbarkeiten und Preise von Locations, Dienstleistungen oder Künstlern einsehen, vergleichen und direkt reservieren können, werden dazu beitragen, die Vorbereitung von Events zu beschleunigen. Neben dem Format an sich verändern sich auch Umsatzmodelle – warum nicht für einen Privat-Chat mit einem Top-Experten einen Extra-Obolus bezahlen oder über variable Teilnehmerbeiträge in Abhängigkeit von der Bewertung einer Veranstaltung nachdenken. Oder wie wäre es, wenn ich vor der Buchung einer Veranstaltung schon sehen könnte wer – oder zumindest welche Unternehmen – sich schon angemeldet haben. Vielleicht motiviert mich das ja, auch den Präsenzteil eines hybriden Events dazu zu buchen. Dies sind nur wenige Beispiele, aber der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt und sie wird auch dringend nötig sein, um sich zu behaupten. Die Transformation der Branche wird für viele nicht einfach werden, aber sie bietet auch Chancen für diejenigen, die die neue Epoche für sich annehmen. Ich bin gespannt auf die Zukunft und freue mich noch immer auf das ein oder andere reale Event – keine Frage.

Weitere Anregungen zur Zukunft von Meetings, den Anforderungen der Teilnehmer und laufenden Forschungsarbeiten unter www.future-meeting-space.de